Wir alle haben das Zeug zum Brain Hacker!

„But in football, as in life, the most powerful lies are always the ones you tell yourselves.” (2).

Unsere Wahrnehmung, unsere Sicht auf die Welt, beeinflusst unser Leben jeden Tag aufs Neue. Übrigens sind auch unsere Erinnerungen nachgewiesen nicht verlässlich, sondern ein Konstrukt dessen, was wir uns täglich selbst erzählen (3).

Das mag für viele unglaublich klingen und stößt bei manchen auf Ablehnung. Dabei steckt in dieser wissenschaftlichen Entdeckung eine wunderbare Nachricht: wir haben es täglich selbst in der Hand, unsere Erinnerung und unser Wahrnehmen der Gegenwart selbst so zu beeinflussen, dass es uns gut tut. Wer also übt, seinen Blick auf das zu richten, dass sie/ihn voranbringt, der hat gute Chancen ein zufriedeneres Leben zu führen.

Wie komme ich jetzt auf dieses Thema?

Nun zum einen liegt es nahe, da ich aktuell meine Fortbildung zur Hypnose abgeschlossen habe und mich mit dem Thema Gehirn und Erinnerung schon länger befasse. Ich unterstütze als Coach meine Klienten dabei, ihre Wahrnehmung bewusst zu steuern und auch zu hinterfragen. Das ist schlicht eine Veränderung der Aufmerksamkeitssteuerung und ganz nebenbei können sich dabei Wahrnehmungen und Erinnerungen, die negativ assoziiert sind, neutralisieren oder abschwächen.

Anfang letzter Woche, genau genommen am 20. Februar 2017, wurde auf Facebook verkündet, dass ich zusammen mit 26 anderen Frauen und Männern für Deutschland ausgewählt wurde, um Teil des bestehenden Asics FrontRunner-Teams zu werden. Die Bewerberzahlen dafür sprechen für sich: es haben sich dieses Jahr 40.000 Leute weltweit hierfür beworben. Und nun bin ich eine davon, die ausgewählt wurde. Wow! Macht mich das besser als Mensch als die Nicht-Auserwählten?

Warum gerade wir? Haben wir es wirklich verdient? Was rechtfertigt unsere Nominierung? Zunächst gehe ich mal davon aus, dass vermutlich jeder Mensch da draußen eine besondere Geschichte hat, für die er/sie unsere Aufmerksamkeit verdient hat. Es kann keine absolut gerechte Auswahl geben, denn dazu müsste jemand allwissend sein.

Dennoch waren da plötzlich Online Kommentare zu lesen, die sich gegen die Ausgewählten richteten. Die einen waren zu fit, die anderen zu unfit, die einen zu attraktiv, die anderen zu weiblich, die einen zu wenig kantig, die anderen zu wild (rauchend!). Warum so stand da etwa, hat eine Mutter mit vier Kindern, die Vollzeit arbeitet und Ultras läuft, Vorbildcharakter?

Das BKA hat zu Facebook auch eine interessante Feststellung gemacht: die gemeldeten Hasspostings haben sich von 2014 auf 2015 verdreifacht! Und mich interessiert dabei vor allem, warum tun wir Menschen das?

Intuitiv lehnen wir grundsätzlich erstmal ab, was nicht unserer Einstellung oder Erwartung entspricht. Wer aber etwas schreibt, das zu unseren Glaubenssätzen passt, dem glauben wir. Das ist leider ein sehr häufiger Denkfehler, den wir Menschen alle begehen (der sogenannte „Confirmation bias“). Wenn wir also eine Meinung vertreten, dann suchen wir nach Bestätigung unseres Weltbilds. Es geht vereinfacht gesagt, ums Rechthaben, darum unsere eigene Position in der Gruppe zu stützen, um unser Selbstbewusstsein. Wissenschaftlich belegt ist dabei, dass sich unsere Ansichten unter Gleichdenkenden leichter radikalisieren können. Das heißt, treffen Menschen mit den gleichen Einstellungen aufeinander, verstärkt sich die eigene Meinung noch („Gruppenpolarisierung“). Das hat zum einen damit zu tun, dass wir in der Diskussion mit Gleichgesinnten vor allem die Argumente heraushören, die unser Argument (unseren Glaubenssatz) noch mehr stützen. Zum anderen pusht es uns auch, selbst nach neuen noch besseren, extremeren Argumenten zu suchen, um vor unseren Gesinnungsgenossen gut da zu stehen. (vgl. Studien von Daniel Isenberg).

Für Gruppenpolarisierungen sind soziale Medien prädestiniert, denn der Algorithmus etwa von Facebook führt dazu, dass wir vor allem die Informationen angezeigt bekommen, von denen der Internetkonzern denkt, dass es uns gefallen wird auf Basis unserer bisherigen Likes. Täglich entscheiden wir über unsere „Filterblase“ (benannt nach Eli Pariser): wer zu unserer Gruppe (Meinung) passt, der bekommt ein Like, die anderen „sortieren“ wir aus, manche beschimpfen die anderen sogar. „Group in, Group out“-Effekt sagt der Forscher dazu, diese Gruppendynamik gibt es übrigens schon im Sandkasten und zieht sich durch unser ganzes Leben.

Sich mit anderen zu vergleichen, kann uns antreiben, es kann uns produktiv machen. Aber wenn es zu zerstörerischem Neid oder Hass führt, wird es für uns selbst und für zwischenmenschliche Beziehungen kritisch. „Unverschämt, warum wurde sie FrontRunner?“ Solches Denken macht uns übel launig, schwächt unser Ego und unsere Zufriedenheit. Einer Untersuchung von Sarah Hill zufolge schmälert Neid auch unsere Merkfähigkeit und Konzentration (1).

Wäre es nicht schade, wenn solche Firmenengagements abgeschafft würden, nur damit es keinen Neid unter den Athleten gibt? Wäre es nicht viel schöner, wenn wir es einander gönnen könnten? Wenn wir bei Meinungsverschiedenheiten nicht nur argumentieren, um Recht zu haben, sondern hinhören, um zu verstehen? Nur das ermöglicht eine neue Sicht auf die Dinge, das kann uns entspannen und ganz neue Lösungsansätze hervorrufen. John Lennon singt davon in einem seiner (für mich) schönsten Songs: „Imagine“.  

Quellen:

(1) Jens Corssen, Christiane Tramitz: Ich und die anderen; KNAUR Verlag, Juni 2016

(2) Raphael Honigstein, Das Reboot, Verlag Yellow Jersey, 2016

(3) Julia Shaw, Das trügerische Gedächtnis, Hanser Literaturverlag, 2016

(4) https://newstral.com/de/article/de/1043543501/warum-online-debatten-so-oft-schiefgehen-verst%C3%A4ndlich-erkl%C3%A4rt

 

Fotoquelle: 

www.unsplash.com

Jacob Ufkes, Matthew Smith, Phil Coffman, Arek Adeoye

4 Antworten auf „Wir alle haben das Zeug zum Brain Hacker!“

  1. Dieser Artikel erinnert mich an meine Kindheit in der group out zu sein, sei es aufgrund von Unsportlichkeit oder nicht zur Clique zu gehören. Auch der Neid, der mir teilweise heute noch entgegenschlägt, weil ich es geschafft habe, dorthin zu kommen, wo ich hinwollte bzw.in das Unternehmen. Und ja es treibt wirklich an&wird schwer damit im Leben umzugehen. Dank Daniela’s Coaching&Glaubenssätzen habe ich mich davon gelöst.

  2. Es waren 40.000 Bewerber für alle Länder der Kampagne. Es schmälert trotzdem nicht den Wert zu der Gruppe der Frontrunner dazuzugehören. Und ja, es ist großartig, dass es solche Projekte gibt. 🙂

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