„Hochsensitivität“? Und was kann man da coachen?

 

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron, die sich selbst als hochsensibel bezeichnet, schrieb 1996 auf Basis ihrer Forschungsergebnisse das Buch Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen, das in 70 Sprachen übersetzt wurde und als Standardwerk zum Thema gilt. Highly Sensitive Person wird mit HSP abgekürzt. In Deutschland wurde „highly sensitive“ mit hochsensibel übersetzt, was es nicht ganz trifft, da Aron die Reizwahrnehmung meint.

Das bekannteste deutsche Buch zum Thema spricht von Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen (von Georg Parlow, 2014).

An über 50 Universitäten wird dazu geforscht, wenn man die Kinderstudien mitrechnet, sind es sogar 100. Der deutsche Biologe Max Wolf untersuchte mit Hilfe von Computersimulationen wie sich in der Evolution bei Tieren und Menschen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale herausbilden. So zeigte sich bei ganz unterschiedliche Tierarten, dass jeweils ein gewisser Anteil der Population die Umgebung genauer wahrnahm als andere und sich vorsichtiger verhielt, die Tier hatten also eine Art Frühwarnfunktion. Wolfs Argument für den kleinen Anteil pro Population: Wären es mehr, hätte keiner etwas davon.

In der Psychologie spricht man auch von Orchideenkindern – im Vergleich zu den robusteren Löwenzahnkindern. Auch die frühkindliche Entwicklung kann hierbei eine Rolle spielen.

Wie wird das neurologisch erklärt?

Das Nervensystem von HSP sei, so die These, anders konstituiert. Zum Phänomen der Hochsensitivität gibt es gegenwärtig mehrere Erklärungsansätze:

Die Gehirnteile und Neuronenverbünde, welche für die Dämpfung der Erregungspotentiale zuständig sind, seien aus bestimmten (wahrscheinlich genetischen) Gründen weniger stark ausgebildet, sodass die Erregung der Großhirnrinde deutlich höher ist als bei anderen Individuen. (vgl. Hirnforschung Uni Aachen, Prof. Willmes-von Hinckeldey)

Der Thalamus funktioniere bei hochsensiblen Personen (HSP) anders als bei nicht-hochsensiblen, so dass mehr Reize als „wichtig“ eingestuft werden und damit das Bewusstsein erreichen (vgl. Klages 1991, Benham 2006).

Fazit der These: HSP nehmen ihre Umwelt reiz-vielfältiger und detailreicher war.

Auch bei den HSP gibt es nicht nur introvertierte Menschen, sondern auch solche, die Herausforderungen suchen. So kommt es, dass auch im Leistungssport reizempfänglichere Menschen zu finden sind. Ich habe mit einer (jetzt ehemaligen) sehr guten Handball-Torhüterin zusammengearbeitet, die diese Veranlagung als Wahrnehmungsstärke genutzt hat, so dass sie frühzeitig erkannte, in welche Richtung der Ball fliegen würde.

Wer als Sportler eher zu den Sensibelchen gehört, befindet sich übrigens in bester Gesellschaft weltbekannter Athleten:

  • Markus Beyer, dreifacher WBC-Weltmeister im Supermittelgewicht (Boxen)
  • Britta Steffen, Doppelolympiasiegerin 2008 in Peking (Schwimmen)
  • Bastian Schweinsteiger, er wurde mit der deutschen A-Nationalmannschaft Fußball-Weltmeister 2014

Diese Sportler gelten als hochsensibel. Na und? Sie sind enorm erfolgreich gewesen. Wer sich mit seiner Empfindsamkeit auskennt, der kann lernen, damit sinnvoll zu leben und sich nicht länger als Opfer sehen. Wer weiß wie er mit Hochsensitivität richtig umgeht, der kann zur Hochform auflaufen oder (als Trainer und Coach) anderen dazu verhelfen.

Woran erkenne ich HSP?

  • Wer herausfinden will, ob er zur Gruppe der HSP gehört für den gibt es Tests. Zum Beispiel auf http://www.zartbesaitet.net oder http://hsperson.com/test/highly-sensitive-test/
  • Wer akut in einer außerordentlichen Belastungssituation ist, kann übrigens unter Umständen auch (vorübergehend) wie ein Hochsensitiver reagieren.
  • Wesentliche Punkte des oben genannten Tests sind u.a.:
    • Es regt mich unangenehm auf, wenn um mich herum sehr viel vor sich geht.
    • Auf Koffein, Teein und Medikamente reagiere ich heftiger als andere Menschen.
    • Meine Augen reagieren sehr empfindlich auf Helligkeitsunterschiede.
    • Ich bin sehr geruchs- und geschmacksempfindlich.
    • Fernsehsendungen und Spielfilme mit Gewaltszenen meide ich.
    • Ich erschrecke leicht.
    • Ich reagiere stark auf Hunger (Konzentration und Stimmung).
    • Ich fühle, wenn Nahrungsmittel oder andere Substanzen mir schaden.
    • Ich habe viel Fantasie, grüble viel und durchdenke alles in allen Facetten.
    • Die Bewegungen und Funktionen meines Körpers nehme ich sehr genau wahr.
    • Ich brauche viel Zeit für mich allein, um mich von Sinneseindrücken zu erholen.

Wie gehe ich mit diesem Persönlichkeitsmerkmal um?

Priscilla Westra

  • Viel wahrzunehmen ist anstrengend. Daher haben Hochsensitive eine Tendenz, sich auch mal zurückzuziehen, um Zeit und Muße zu haben, die vielen Informationen zu verarbeiten.
  • Da HSP schneller überreizen, hilft es als Außenstehender, Verständnis zu zeigen und ihre Reiz-Überempfindlichkeit nicht negativ abzutun. Dem Betroffenen hilft es, viel Zeit für Erholung einzuplanen, z.B. Meditieren oder Yoga lernen.
  • Ob Hochsensitivität eher als Last oder eher als Befähigung empfunden wird, hängt von der eigenen Bewertung und der inneren Haltung ab, natürlich auch von den persönlichen Lebensumständen und der jeweiligen Situation.

HSP als Befähigung

  • Hochsensibilität kann aufgrund der hohen nervlichen Aktivität auch zu besonderen Begabungen führen.
  • Nicht selten kommt es vor, dass Menschen mit »klassischer« Hochbegabung gleichzeitig auch hochsensitiv sind. (vgl. Andrea Brackmann (2005): »Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?«
  • Viele HSP sind sehr fantasievoll und außergewöhnlich kreativ. Einige Hochsensitive haben eine ausgeprägte musikalische oder künstlerische Ader.
  • Einige HSP haben ein besonderes Gefühl für Beziehungen. Sie betreten einen Raum und sind in kurzer Zeit in der Lage die Stimmungen, Beweggründe und Beziehungsmuster der anwesenden Personen zu erfassen, selbst wenn es sich um fremde Personen handelt.
  • Einige HSP sind besonders empfindsam für Berührungen. Sie erspüren mit ihren Händen kleinste Verspannungen oder Knoten unter der Haut von Patienten.
  • Einige Hochsensitive haben ein hervorragendes Gedächtnis für vergangene Erlebnisse, Stimmungen und Bilder.
  • Durch ihre Geistesgegenwart und fast pedantische Genauigkeit können viele HSP in ihrem Beruf überaus leistungsfähig sein.
  • Einige Hochsensitive haben eine besondere Geduld mit Menschen in Krisensituationen. Sie sind warmherzige Begleiter und Unterstützer, z.B. während einer schweren Krankheit, oder sie erleichtern es Sterbenden, vom Leben Abschied zu nehmen. Daher sind viele HSP in sozialen Berufen aber auch als Berater oder Coach zu finden.

Sergey Fediv

HSP als Herausforderung

Im systemischen Coaching arbeite ich mit Klienten, die dieses Thema für sich angehen wollen- egal ob als Sportler oder Couch Potato.

 

Fotos von Alan Labisch, Priscilla-Westra, Sergey-Fediv (www.unsplash.com)

Weiterlesen in meinen Veröffentlichungen:

http://freiwasser.com/wp-content/uploads/2017/09/171125-SCAN-23431.pdf

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