Spieglein Spieglein an der Wand: Siehst Du echt gut aus?

Ab der siebten Klasse war Optik plötzlich wichtig. Teenager eben und weil wir fast nur Mädels in der Klasse waren, gab es da eine klare Rangordnung. Samara mit den tunesischen Wurzeln kam zuerst und dann lange nichts. Und plötzlich nagte da ein Verdacht, nicht „wirklich“ schön zu sein. Viele weiblich gebaute Frauen schimpfen auf „Hungerhaken“, um sich selbst zu verteidigen und vergessen dabei, dass auch manche Hungerhaken den Genen unterworfen sind.

Ich dachte, Modeln wäre ein guter Anfang, um Selbstbewusstsein zu tanken. Zum ganz großen Durchbruch kam es nicht, aber das Taschengeld hat mir das gelegentliche Modeln schon aufgebessert.

Und dann begann ich mit Triathlon. Das Beste daran, hier war meine Figur plötzlich von Vorteil: gute Hebel und wenig Gewicht. Es folgten auch tolle Foto-Jobs u.a. für Samsung und die ING Diba. Mein Selbstbewusstsein stieg proportional mit den Erfolgen im Triathlon, und das Aussehen profitierte von diesem neuen Körpergefühl.

Und dennoch störte mich immer, dass Frauen sich ob ihres Aussehens bekriegen. Das kann man gut bei Mädels-Cliquen beobachten, die „GNTM“ gucken. Da wird über alle Teilnehmerinnen geschimpft und gelästert: die eine hat zu breite Hüften, die andere einfach „kein Modelgesicht“. Und dabei stopfen sich die gehässigen Zuschauerinnen Hamburger und Kekse in den Mund. Von deren eigenen Hüften und Nasen ganz zu schweigen. Spieglein, Spieglein an der Wand, warum sind wir so hart zu den anderen und klammheimlich auch zu uns selbst? Können wir nicht einfach etwas zufriedener mit uns sein? Abgesehen davon, dass kein Model in echt aussieht wie auf den Hochglanz-Magazinen dargestellt.

Inzwischen zeigt sich auch bei mir, der erste Zahn der Zeit: ich sehe es, wenn ich ganz genau in einen gut beleuchteten Spiegel sehe. Vielleicht sollte ich weniger in der Sonne trainieren? Noch mehr Sonnencreme nehmen? Einen anderen Helm kaufen, um Stirnfalten zu vermeiden? Ganz leise kamen sie in letzter Zeit zurück, die Selbstzweifel an der Optik.

Doch dann erhielt ich neulich den Anruf für ein Shooting mit einer bekannten deutschen Sportmarke. Am Set traf ich zwei weitere weibliche und zwei männliche Models. Die Mädels waren deutlich jünger als ich. War ich ein Irrtum? „Ich hab dich wegen Deines Lächelns gebucht“, sagte die Kundin da. Das war die Erlösung. Ganz egal wie kalt es war, ich strahlte den ganzen Tag. Lachfalten sind doch die schönsten.

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Die Kundin schrieb mir eine schöne Email mit noch vertraulichen Bildern. Als ich die Bilder meinen Eltern zeigte, sagten sie, „da siehst Du wirklich echt aus“.

Vielleicht sollten wir in unseren Wortschatz für Schönheit „echt“ mit aufnehmen? Das könnte das Älter werden leichter machen. Und ich finde den Gedanken als Seniorin noch vor der Kamera zu stehen, richtig schön. Echt, ohne Botox.

Ich wünsche Euch allen, mehr Mut zum Echtsein.

Daniela

PS: Die „good vibrations“ habe ich gleich ins erste Rennen des Jahres mitgenommen und beim Sprint Duathlon in Krailing den 3. Platz gesamt gemacht. Läuft eben „echt“ gut! 🙂

Quelle: Foto von Daniela Ruppert

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