Kennst du den Türsteher von Instagram?

Instagram ist so einfach: du stellst ein Foto ein, schreibst ein bisschen Text dazu und mit etwas Glück hast du bald eine Menge Follower und Likes. Ist das Glück?

Wir verfallen Instagram wegen des guten Storytellings. Wer eine gute Story hat, hat Erfolg.

Wenn wir es schaffen Urgeschichten zu erzählen, dann bekommen wir Aufmerksamkeit. Ein gutes Storytelling – ob auf Instagram, im Film oder in einer Präsentation – schafft es, dass die Geschichten etwas in uns auslösen, dass Emotionen (=körperliche Reize) entstehen.

Stories, die bei uns andocken, sind archetypische Geschichten. Dazu braucht es einen Helden, mit dem wir uns identifizieren können und einen Schurken. Der Schurke, also die Bedrohung, das kann zum Beispiel das Wetter, der Fleischesser, das Weizenmehl, der Wecker, das Bauchfett oder der eigene Schweinehund sein. Der Schurke ist damit eine wesentliche Voraussetzung für unsere Aufmerksamkeit: ob dieser Schurke potenziell für uns relevant ist, entscheidet nämlich unser „Türsteher“ im Hirn, der Thalamus.

Es gibt 7 Archetypen. Diese Urgeschichten faszinieren uns seit Menschenbeginn, weil sie mit unserem Überleben, unseren Sehnsüchten und unseren großen Sinnfragen (Wer bin ich? Wohin gehe ich? Warum bin ich hier?) zu tun haben. Sie sind als fundamentale Erfahrung tief in uns. Je mehr der Thalamus die potenzielle Bedrohung für uns als relevant einstuft, desto mehr können wir uns in diesen 7 Urgeschichten mit dem Held identifizieren. Unsere Helden sind auf der Suche nach dem vollkommenen Trainingszustand, nach Einheit von Körper und Geist, nach Anerkennung, nach Glück bis ans Lebensende, nach Liebe, nach Erleuchtung.

Die 7 Archetypen sind:

  1. Überwindung des Monsters (Gut gegen Böse; die Bedrohung von inneren Dämonen oder von außen). Zum Beispiel die Frühaufsteher, die stolz wie Oskar ihre Müdigkeit besiegt haben und jetzt mit Augenringen ihre Schwimmbad Fotos posten: „Check! Um 7:30 Uhr bereits 5 Kilometer geschwommen! Jetzt zur Arbeit, Ihr Lieben.“
  2. Vom Bettler zum König (Die Sehnsucht, das zu werden, was man wirklich ist): Das sind dann die Kandidaten, die uns alle verblüffen. Ihnen zu folgen ist ein Muss, sie scheinen ein großes Geheimnis zu kennen: „Ich wog 100 Kilo und habe in einem Jahr 20 Kilo abgenommen und nebenbei bin ich meinen ersten Marathon in 2:30 h gelaufen.“
  3. Die Mission (mit unglaublicher Leidenschaft): „Ich liebe Triathlon und dafür trainiere ich täglich mehrmals neben meinem 70 Stunden Job, notfalls auch mit Laptop und Flossen in der Badewanne.“
  4. Reise und Rückkehr (geworfen in eine fremde Welt – und verändert zurückgekommen): „Ich war einer von Euch, bin jeden Tag 10 Kilometer gelaufen, habe mich nie entspannt und habe wie ein Irrer auf Wettkämpfe gefiebert. Damit habe ich meine Familie und meine Frau verloren, so begegnete mir der Sinn des Lebens, jetzt mache ich Yoga.“
  5. Komödie / Die fröhliche Entwirrung (meistens der Liebe): „Ich habe meinen Freund im Trainingslager kennengelernt, aber erst am 10. Tag erkannt wie er ohne Radhelm aussieht: es war mein Nachbar aus Bielefeld!“
  6. Tragödie (unaufhaltsam kann man dem Helden bei seinem Unglück zu sehen): Eine Verletzungspause jagt die andere. Und wir sind verdammt nochmal froh, dass es ihn und nicht uns getroffen hat.
  7. Wiedergeburt (Rückkehr aus dem Schatten): „Dieser Wettkampf läuft gar nicht, dachte ich, nachdem ich mit einer Erkältung aufgewacht bin, meine Zahnbürste nicht finden konnte, ich beim Schwimmen den Anschluss verpasst habe, um dann auch noch mein Rad in der Wechselzone nicht zu finden. Doch dann waren meine Beine so leicht, dass ich einfach alle überholte…“

Auch ich nutze diese wunderbaren Archetypen intuitiv gerne, ich schule es sogar für Menschen, die gute Reden und Präsentationen halten wollen.

Doch auf Instagram geht es oft sehr missionseifrig zu: jeden Tag noch ein härteres Training, noch mehr Kilometerangaben, noch mehr Challenge-Liegestütze, noch gesünderes Essen. Manche motiviert das sehr: „Wenn andere den Schweinhund und die Kilos überwinden können, dann geht es doch bei mir auch!“ Und wer Erfolg hat, freut sich über viele Likes, was wiederum dazu führt, noch mehr zu posten.

Mach was aus deinem Leben! Schreit es mich jedenfalls täglich an auf Facebook, Instagram und auch die Lifestyle-Zeitschriften sind voll davon. Und auch ich mach oft genug mit. Das ist manchmal subjektiv ein ziemlicher Leistungsdruck. Wer nicht mithalten kann, resigniert, wird vielleicht schlecht gelaunt, doch sobald wir auf Instagram sind, können wir uns den Bildern nicht entziehen (eben weil unser Thalamus durchlässig für diese Geschichten ist).

Und hier beginnt die Verletzlichkeit. Denn alle wollen sich gerne mit anderen Menschen verbunden fühlen. Wer das nicht mehr schafft, weil er zu langsam, zu dick, zuwenig Lebenszeit zum Training hat, der fühlt sich leicht isoliert von dieser vogelwilden Truppe. Und das Gefühl betrifft tatsächlich oft die sehr Leistungsambitionierten, nicht nur die Faulen! Gerade Menschen, die diszipliniert ständig an sich selbst arbeiten, kommen beim Lesen von Instagram schnell unter Druck: denn egal wie viel sie trainiert haben, irgendjemand hat sicher wieder mehr gemacht. Und wer einen echten Ruhetag OHNE Training verbracht hat, der schaut besser gar nicht online in den Netzwerken nach. Das schlechte Gewissen schreit sonst zu laut. „I am not good enough“. Eine Mischung aus Angst und Beschämung stellt sich ein. Wie soll ich mit den anderen noch mithalten?

Wieso vergessen wir so leicht, dass auch die anderen nur die „sunny side of Life“ in ihren Bildern zeigen? (Die Tragödien bilden da die Ausnahme.)

Vorige Woche sah ich zufällig ein Mädel, dass ich nur von Fotos auf Instagram kannte. In der grauen U-bahn besaß sie ziemlich wenig Ausstrahlung. Wir nestelten beide an unserem Handy rum. Sie aß eine „ungesunde“ Butterbretzel und saß da, müde, ohne das glückliche Dauergrinsen, das sie auf Instagram immer hat. Ähnliches dachte sie vermutlich von mir. Im echten Leben sind wir eben doch zwei Unperfekte, die einfach nur in der U-Bahn sitzen und vom nächsten Urlaub träumen.

Und genau deshalb sind wir ok so wie wir sind. Und wir müssen nicht die ganze Zeit vergleichen, was die anderen gemacht haben, auch wenn der Thalamus, unser Türsteher im Kopf, dafür gerne Aufmerksamkeit zeigt (nämlich, dass wir nicht genug getan haben). Manchmal ist also eine Social Media-Auszeit wohltuend. Die schönsten Stunden sind für mich ohnehin die, die ich im Flow bin, ganz zeitvergessen, zum Beispiel beim Sport – auch mal ohne Handy. Und ich schätze die wertvolle Zeit, die ich mit echten Freunden verbringe.Einer Freundin einfach zu zuhören und sie in den Arm nehmen, das kann Instagram nicht. Kilometerschnitte haben wir übrigens auch nicht besprochen.

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