Bekennerschreiben.

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Ich bekenne mich zum eigenständigen Denken. Seitdem ich Facebook auch aus beruflichen Gründen nutze, komme ich mit Menschen in Kontakt, die ich zuvor nicht gesehen habe. Mancher dieser Menschen schicken mir sofort, nach dem ich ihre Freundschaft angenommen habe, kitschige Fotos mit „Danke für deine Freundschaft“. Da springen Delphine im Sonnenuntergang, Rosen werden mir per Foto geschenkt und Teddybären auf die Facebook-Chronik gestellt. Genau daran merke ich aber, dass wir uns eben gar nicht kennen und wir keine Freunde sind: wir sind nur Menschen, die laut Facebook angeblich ähnliche Interesse oder gemeinsame Freunde / Bekannte haben und daher einander vorgeschlagen wurden. Inzwischen habe ich meine Chronik für Zugriffe gesperrt und nehme weniger Freundschaftsanfragen an.

Durch manche, der mir bis dahin unbekannten Menschen in meinem Facebook-Umfeld bekomme ich Sätze zu lesen, die mich umhauen.

Laue, nachgeplapperte Stammtischparolen. Es ist diese Naivität, die mich dazu bringt heute diesen Blog zu schreiben: ich beschäftige mich viel mit Denkhaltungen, mentalen Techniken und auch mit Gedächtnistraining und Neurobiologie. Ich dachte immer, wir seien in Deutschland noch relativ weit vorne bezüglich Bildung, Intelligenz und Demokratie. Deutschland, das Land der Ingenieure, Dichter und Denker, was ist aus dir geworden? Ein Land, das nur noch Schwarz und Weiß kennt? Panik oder totale Naivität?

Ich beteilige mich kaum an öffentlichen Diskussionen in den Sozialen Medien zum Flüchtlingsthema, das meiste ist mir zu einseitig. Denn ich bin weder der Meinung, dass wir das Flüchtlingsthema alleine durch das Hochhalten von „Welcome Refugees“ Schilder gelöst bekommen, noch bin ich jetzt neuerdings der Ansicht, dass jeder Flüchtling ein Mörder ist. Ja, genau, das ist mir zu platt. So einfach ist es nicht.

Meine Eltern sind seit über 10 Jahren in einem Flüchtlingsheim engagiert. Durch sie weiß ich seit langem um die Probleme vor Ort, es wird vieles geschönt und in den Medien nicht thematisiert. Das stimmt. Und die freiwilligen unbezahlten Helfer leisten unglaubliches. Dazu gehören nicht nur die vielen Arbeitsstunden, sondern auch die psychische Leistung, die sie erbringen: traumatisierte Menschen brauchen viel Zuwendung. Viele der Flüchtlinge verlieren durch Anschläge in ihrer Heimat ihre Familie oder sie kommen hierher und erfahren dann, dass ihre Familie, die nachkommen wollte, es nicht geschafft hat. Alle tot. Wer wäre da nicht reif für die Couch?

Hinzu kommt die kulturelle Umstellung: in ihrer Kultur gelten nun mal andere Verhaltensweisen. Dort muss man sich anders durchsetzen, um zu überleben. Frauen und Kinder haben einen anderen Stellenwert. Und manchmal herrscht auch eine Erwartung, dass wir in Europa genug finanzielle Möglichkeiten haben, um ihnen ihre Wünsche zu erfüllen. Mit Deutschkursen alleine ist es nicht getan. Sie brauchen zur Integration eine Vermittlung unserer Werte, Kultur, psychologische Betreuung und gesetzte Grenzen. Doch die ehrenamtlichen Helfer sind viel zu wenig, oft auch gar nicht dafür geschult. Sie helfen, weil es sonst keiner tut. Wenn Politiker ein Flüchtlingsheim anschauen, dann sind das in der Regel ausgewählte „Vorzeigeheime“, die kein Abbild der Realität sind.

Dennoch: meine Mutter macht weiter, manchmal frage ich mich, woher sie die Kraft nimmt. Sie hört nicht auf, bekommt dafür sehr viel Respekt und Dankbarkeit von vielen Flüchtlingen. Es gibt aber auch 10-jährige Flüchtlingskinder, die meine Mutter als Schlampe beschimpfen.

Zu Weihnachten kommt uns beinahe jedes Jahr ein ehemaliger Asylant besuchen – mit Geschenken. Er hat es geschafft und Fuß gefasst, ein eigenes Unternehmen und ist bis heute meinen Eltern dankbar. Diese dankbaren und talentierten Einwanderer gibt es auch!

Hass, der sich gegen alle Einwanderer richtet, ist nicht gut. Hass hat unserem Land bereits in den 40er Jahren sehr geschadet. Das ist der falsche Weg. Beim Attentat 2016 in München habe ich im Fernsehen unter anderem eine Frau mit Kopftuch davon rennen sehen: natürlich sie hat genauso viel Angst wie wir!

Auch wir Deutschen sind nicht die besten Menschen, wenn ich da draußen radfahre, werde ich sooft bedroht von irgendwelchen aggressiven Autofahrern. Ein befreundeter Psychologe meinte gestern zu mir: anhand des Verkehrsverhaltens von Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern könne man Gruppenprozesse wunderbar erklären: bist du nicht Teil der gleichen Gruppe, bist du blöd und gleich ein Arschloch. Wie oft schon hat mich ein Auto von hinten so stark angehupt, ausgebremst oder mit angeschaltenen Scheibenwischern (bei Sonne, nur damit ich nass werde) überholt, dass ich fast in den Graben gefahren wäre? Ich kann’s nicht mehr zählen, habe mich nie daran gewöhnt, nur gelernt, damit umzugehen. Ein solches Verkehrsverhalten ist auch Aggression pur, gar nicht so weit weg von einem kleinen Attentat! Schockierend ist dabei, dass viele dieser krassen Autofahrer ein „Kind fährt mit“ Schild hinten am Kofferraum kleben haben…

Wie viele Menschen helfen anderen noch, die schlechter gehen können (z.B. wegen Krücken)? Wie oft steige ich in eine U-Bahn ein, bekomme Schläge in die Hüfte oder in den Rücken, weil ein anderer seinen Platz verteidigt und eben nicht darauf achtet, dass alle noch zur Tür reinpassen? Zählt wirklich nur der Blick auf das eigene Vorankommen?

Bitte lasst uns nicht mit dem Finger auf andere zeigen ohne unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Und bitte lauft nicht diesen Manipulatoren hinterher, die weltweit auf großer politischer Bühne und auch an jedem Stammtisch Euch vorsagen, was ihr zu denken habt. Die Welt ist zu komplex für schwarz und weiß, Gut und Böse. Wenn ich nach diesem Blog weniger Abonnenten und Likes habe, dann nehme ich das in Kauf. Lieber habe ich Leser, die ihren Kopf noch nutzen, um zu differenzieren.

Und noch etwas: seit zwei Jahren baue ich meine Selbständigkeit auf, ich verdiene noch nicht sehr viel, eben gerade so, dass es zum Leben reicht. Doch ich mache es, weil es mich zufrieden macht, meine Talente beruflich auszuleben. Niemals kam ich auf die Idee, dass mir ein anderer meinen Job wegnimmt. Ich habe da draußen sehr viele Wettbewerber, denn Coaches zu Persönlichkeitsentwicklung, Mentaltrainer und Seminar-Trainer gibt es wie Sand am Meer. Der sportliche Gedanke ist für mich hier leitend: wer gut ist, setzt sich durch. Also arbeite ich täglich an meinem Wissen, entwickle mich weiter, Stagnation wäre mein Ende, Hass auf die anderen ist da wenig zielführend.

Manchmal denke ich, wenn jeder etwas hätte, das ihn/sie so antreibt wie mich der Sport und meine Arbeit, dann hätten die Leute keine Zeit für so viel Selbstmitleid, Panik, Attentate und Kriege. Triathlon für alle!

Fotocredit: Anton Repponen, www.unsplash.com

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